Hast du dich jemals gefragt, warum du in manchen Momenten einfach nicht so reagierst, wie du es eigentlich willst? Warum du weißt, dass du keinen Hunger hast – und trotzdem isst? Warum Vorsätze am Abend oft nicht halten, was sie am Morgen versprochen haben?
Die Antwort liegt nicht in deinem Kopf. Sie liegt in deinem Nervensystem.
Was ist die Polyvagal-Theorie?
Die Polyvagal-Theorie wurde vom Neurowissenschaftler Stephen Porges entwickelt und beschreibt, wie unser Nervensystem auf Sicherheit, Gefahr und lebensbedrohliche Situationen reagiert – und zwar automatisch, ohne dass wir das bewusst steuern.
Das Kernstück: der Vagusnerv. Er verbindet Gehirn und Körper und reguliert viele unserer unbewussten Reaktionen – Herzschlag, Atmung, Verdauung, aber auch unsere Fähigkeit, uns zu verbinden, zu regulieren und sicher zu fühlen.
Nach Porges gibt es drei Zustände, in denen sich unser Nervensystem befinden kann:
1. Sicherheit und Verbindung
Wenn wir uns sicher fühlen, ist der sogenannte ventrale Vagus aktiv. Wir sind neugierig, offen, können denken, fühlen und in Kontakt treten. Wir können Entscheidungen treffen. Wir können wählen, ob wir essen wollen oder nicht.
2. Kampf oder Flucht
Bei wahrgenommener Gefahr schaltet das Nervensystem in den Sympathikus – den Alarmmodus. Herzschlag steigt, Muskeln spannen sich an, Gedanken rasen. In diesem Zustand funktioniert rationales Denken eingeschränkt. Der Körper sucht nach schnellen Lösungen – und Essen ist eine davon.
3. Erstarrung und Abschalten
Bei extremem oder anhaltendem Druck kann das Nervensystem in einen Zustand der Erstarrung fallen. Taubheit, Leere, das Gefühl, neben sich zu stehen. Auch hier kann Essen ein Versuch sein, sich wieder zu spüren.
Was das mit emotionalem Essen zu tun hat
Emotionales Essen passiert fast nie im Zustand der Sicherheit. Es passiert, wenn das Nervensystem aus der Balance geraten ist – wenn Stress, Überforderung, alte Wunden oder das Gefühl von Einsamkeit das System in Alarm oder Erstarrung bringen.
Essen reguliert. Es beruhigt den Körper, gibt Sicherheit, bringt kurzfristig in den Zustand der Verbindung zurück. Das Nervensystem lernt: Wenn ich esse, wird es besser. Und das vergisst es nicht.
Emotionales Essen ist kein Willensversagen – es ist ein Nervensystem, das das Beste tut, was es kann, mit dem, was es kennt.
Warum Disziplin an ihre Grenzen stößt
Wenn du dich im Alarm- oder Erstarrungszustand befindest, ist der Teil deines Gehirns, der für rationale Entscheidungen zuständig ist, buchstäblich offline. Du kannst dir noch so fest vornehmen, nicht zu essen – dein Nervensystem handelt schneller als dein Verstand.
Das bedeutet nicht, dass Veränderung unmöglich ist. Es bedeutet, dass der Weg zur Veränderung über das Nervensystem führen muss – nicht über Willenskraft allein.
Was die Polyvagal-Theorie für dich bedeutet
Das Wissen über die drei Nervensystem-Zustände verändert den Blick auf sich selbst grundlegend. Du bist nicht schwach. Du bist nicht kaputt. Du hast ein Nervensystem, das gelernt hat, auf eine bestimmte Weise auf Stress zu reagieren.
Und Nervensysteme können lernen. Nicht durch Druck – sondern durch Sicherheit, Wiederholung und neue Erfahrungen.
In meiner Arbeit nutze ich die Polyvagal-Theorie als Grundlage, um Frauen dabei zu helfen, ihr eigenes Nervensystem zu verstehen – und schrittweise neue Wege der Regulation zu finden, die nicht über das Essen führen. In der Einzelbegleitung und im Kurs „Mehr als Hunger".
Wenn dich das anspricht: Melde dich gerne für ein kostenloses Erstgespräch. Ich freue mich darauf, dich kennenzulernen.
